Mittwoch, 29. Februar 2012

Mit dem VW-Bus zu Sabatea liebt ihr Wunderland

Langsam fahre ich über die rissige Landstraße. Ich hasse solche Straßen, die überall Löcher haben, die teilweise offen, teilweise schlecht geflickt sind. Es ist ein einziges Holpern über solche Straßen zu fahren, vor allem mit meinem alten VW-Bus, mit der schlechten Federung. Ich werde durchgeschüttelt, wie in einer Achterbahn. Aber ich bin ja selber schuld, das ich in dieser Schrottkarre über diesen Schrottweg komme. Ich hätte mir jedes Fahrzeug aussuchen können um zu Sabatea liebt ihr Wunderland, aber ich nehme natürlich das rosafarbene. Ich bin halt doch ein richtiges Mädchen. So langsam müsste ich doch mal da sein, denke ich mir und schaue mich um. Und etwas weiter vorne sehe ich wirklich etwas am Straßenrand. Ich setze den Blinker und fahre durch ein großes Tor auf einen Platz, der so groß ist, das meine Scheinwerfer das Ende nicht mehr ausleuchten. Den Wagen lasse ich einfach mit eingeschalteten Lichtern stehen, um überhaubt etwas zu sehen. Ich traue mich kaum, einen Schritt zu machen. Dieser Parkplatz ist ein einziges Kunstwerk. Als Kind habe ich oft mit Kreide gemalt, aber sowas habe ich nie zustande gebracht. Auf dem Boden erstrecken sich riesige Bilder, und dutzende Rezensionen. Außerdem stehen da Statements in fetten Lettern. Gegen Diskriminierung und sowas. Und da steht ein Name. Deutero... Den Rest kann ich nicht mehr lesen, denn in diesem Moment gehen die Scheinwerfer des pinken Busses aus. Na toll. Da hab ich extra der Umwelt helfen wollen und ein Elektroauto genommen und jetzt ist die Batterie wohl leer. Ich stoße gerade eine Reihe von Flüchen aus, als ich einen Schatten in der Dunkelheit bemerke. Ich drehe mich um und kneife die Augen zusammen, bis ich die Gestalt erkenne.
"Hallo Julia."
"Hey Eve"
"Schön dich zu sehen. Ich liebe deinen Blog ja total, um genau zu sein liebe ich deine beiden Blogs. Warum hast du eigentlich zwei?"
"Weil es mir komisch vorkam, auf dem Buchblog auch meinen gesamten Hass auf die Gesellschaft auszukotzen. Ich dachte mir, das dass die Verlage ein bisschen... stören könne."
"Achso, das ist ein guter Grund. Hast du viel von diesem Hass auf die Welt? Wieso?"
"Hass auf die Welt würde ich nicht sagen. Welt ist gut. Eher so Menschenhass. Was manche Leute anstellen, und wie rücksichtslos sie sind, und was sie dabei tun ist einfach unfassbar."
"Ok, das denke ich manchmal auch. Vielen Dank übrigens, das du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Ich bin ja auf die Idee zu meinen erst durch deine gekommen. Die schreibst du immer so unendlich schön. Wie machst du das nur? Hast du ein Geheimnis?"
"Ich habe so einige Geheimnisse, aber die gehören hier ja wohl nicht hin. Du findest ich schreibe schön? Ich finde immer noch irgendwo Ecken und Kanten. Ich schreibe einfach so, wie ich die Geschichte auch erzählen würde. Oder wie ich selbst rede."
"Ich meinte ein Geheimnis dabei zu schreiben... aber egal. Lass uns nochmal über ein anderes Thema sprechen: Was für Genres liest du so?"
"Das mit dem Geheimnis war mir klar. Ich habe nur versucht, witzig zu sein. Eigentlich lese ich alles querbeet, weil sonst einfach zu wenig Bücher da wären. Aber besonders gerne mag ich - natürlich - Fantasy. Und Thriller oder Krimis. Am besten mit geistesgestörten Mördern."
"Ach so, das solle witzig sein. Na wenn das so ist, war es natürlich sehr witzig. Du magst Geistesgestörte? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das lustig finden oder mir Sorgen machen soll..."
"Ich mag das in Büchern und Geschichten. Ich mag Witze darüber und Leute, die eine kleine Vogelvoliere im Kopf haben. Aber echte Morde finde ich, wie sich das gehört, nicht gut."
"Dann ist ja gut. Glaubst du du hast selbst, um es in deinen Worten zu sagen, eine kleine Vogelvoliere im Kopf?"
"Ich hab da einen ganzen Wildpark. Nein Quatsch. Ich finde mich verdammt in Ordnung so. Allerdings hat eine Freundin von mir gerade letzte Woche zu mir gesagt: Also Julia, red doch auch mal normales Zeug" ...nur, weil ich meinte, das die kleinen Kinder so süß sind, das ich sie einpacken könnte."
"Dann ist ja gut. Von wegen Freundin: Kennen deine Freunde deinen Blog?"
"Ganz ehrlich? Nur die besten. Und die interessieren sich nicht die Bohne dafür. Achja, und mein schwuler Kindergartenfreund."
"Du hast einen schwulen besten Freund? Jetzt bin ich neidisch! Sowas wünscht sich schließlich jedes Mädchen. Wenn du das schon hast, wie steht es dann mit deinen Wünschen?"
"So toll ist das gar nicht. Nicht so toll, wie sich das alle vorstellen. Aber schon ziemlich super. Ach, es klingt immer so wenn man sagt, man ist wunschlos glücklich. Aber irgendwie bin ich das. Oh, vielleicht ein System, das Bücher und Musik kostenlos macht. Aber sonst nichts."
"Das ist ja schön! Wäre toll, wenn es mir auch so gehen würde, aber davon wollen wir hier mal nicht reden. Ich würde lieber auf deinen Blog Sabatea liebt ihr Wunderland eingehen. Woher kommt dieser Name?"
"Sabatea ist, wie man für alle Unwissenden erklären muss, wahrscheinlich meine Lieblingsfigur von Kai Meyer. Aus der Sturmkönige Trilogie. Hier gibt es auch eine tolle Charakterisierung, wie ich es nie könnte. Und das Wunderland war einfach meine Art zu erklären, wie ich Bücher fühle. Ich weigere mich nämlich ein bisschen zu glaube, das all das erfunden ist. Ist kompliziert zu erklären und klingt schrecklich naiv. Aber ich denke gerne, das Geschichten und Figuren aus Büchern leben. Bloß - woanders."
"Das ist eine schöne Sicht der Bücher."
"Das ist krass kompliziert, weil man das irgendwie niemandem erklären kann."
"Aber außer diesem Wunderland, wo wärst du gerne?"
"Ach, alle haben sie Wünsche und so. Nur ich bin gerne da, wo ich bin. Aber ich würde gerne mal nach Nepal. Und nach Südamerika. Und natürlich in die USA. Und gegen Asien hätte ich auch nichts. Eigentlich muss ich mal ne Weltreise machen. Am besten in einem rosa VW-Bus oder so."
"Ein rosa VW-Bus? Das finde ich genial! Die Frage klingt jetzt wahrscheinlich ziemlich seltsam, aber was hast du gerade an?"
"Oh. Ich sollte mir mal was bequemeres anziehen. Danke. Das hätte ich glatt wieder vergessen. Schwarze Jeans, schwarz-weiß geringelte Socken, schwarzer Rollkragenpulli. Neun Armbänder."
"Kommt es mir nur so vor oder ist deine Kleidung sehr schwarz-lastig?"
"Öh - nein. Das ist einfach so. Gerade im Winder neige ich zu schwarz und grau. Und Wolle. Im Sommer ist dann auch mal ein gemustertes Top oder so drin, aber irgendwie nicht mehr."
"Du hast also noch andere Farben im Kleiderschrank?"
"Ich habe noch ein bisschen weiß. Außerdem rot und ein, zwei hellgrün. Oh, und zwei blaue Jeans."
"Das ist nicht besonders viel. Ist schwarz deine Lieblingsfarbe?"
"Nein, hellgrün. Eigentlich. Aber immer schwarz rumzulaufen stört Menschen. Ich bin so Anti. Gegen alles."
"Kling irgendwie nach Pubertät. Bist du gerade in dem Alter?"
"Hja, Anti gegen alles klingt ganz schlimm nach Pubertät. Das wissen jetzt gar nicht viele, und ich wollte ja eigentlich mal heimlich fragen, wie alt man mich so schätzen würde, aber was solls. Dann müssen die Leute eben hinterher sagen, was sie so gedacht haben. Ich bin Fünfzehn, also praktisch mittendrin in der Pubertät. Ich weiß, das alle Pubertierenden behaupten, sie wären gar nicht so pubertär aber ich bin das schon irgendwie. Ich versuche da ja drüber zu stehen. Und mich erwachsen zu verhalten. Aber manchmal braucht es einfach in der Ecke sitzen und traurig sein. Ohne Grund. Und dann einfach diese Dinge auf eine gesunde Antihaltung zu übertragen."
"Ich gehöre auch zu diesen gar nicht so pubertär-Leuten. Aber wie schon gesagt: Hier geht es nicht um mich, sondern um dich. Möchtest du mir irgendwas über dich erzählen? Irgendwas, das dich besonders macht?"
"Oh ja, es gibt ja - angeblich - so viel, was mich ja sooo besonders macht. Ich liebe Schuhe. Ich könnte Nike Dunks mit ins Bett nehmen. Ich habe auch mal versucht, Scene zu sein, aber wenn man die Musik nicht versteht, kann man auch nicht in die Szene einsteigen. Ich bin zwar immer noch gut mit einigen von diesen blauhaarigen Gestalten befreundet, aber ich bin dann doch in der HipHop Sparte hängengeblieben. Und da hänge ich immernoch."
"Dann werde ich dich jetzt wieder allein lassen. Viel Spaß noch in der HipHop Sparte. Möchtest du noch irgendwas loswerden?"
"Viel Spaß in der HipHop Sparte. Man wird immer so angeguckt, als hätte man ne Krankheit oder sowas. Was hörst du? Rap? Oh Gott. Ist kompliziert, damit durchzukommen, irgendwie. Aber was solls. Hmm. Eigentlich nur was ich immer loswerden will an solchen Stellen... Leute, glaubt nicht immer alles, was euch gesagt wird. Prüft ein bisschen mehr nach. Auch Bücher sagen nicht immer die Wahrheit. Oder Lehrer. Oder Eltern. Oder Politiker. Wenn wir so weitermachen bleibt unsere Generation nachfolgenden nur als irgendeine computersüchtige Masse in Erinnerung. Dann kann ja wohl nicht sein."
"Das waren sehr ähm... tiefsinnige Gedanken zum Abschluss. Dazu gibt es eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Leb wohl, Julia, ich gehe jetzt die Welt verändern."
"Ehhmokay. Weniger Ironie in dieser Antwort wäre irgendwie gut gewesen. Aber was solls. Schönes Leben noch."
"Das war keine Ironie, das war ernst gemeint!"
"Sowieso!"
Julia wirft mir einen kleinen Gegenstand zu. Ich mustere ihn einen Moment, bis mir klar wird, das es eine Batterie ist. So eine, wie man sie für Taschenlampen benutzt. Ich kalle die Motorhaube auf und stecke die kleine Batterie einfach irgendwo rein. Und tatsächlich gehen die Scheinwerfer wieder an. Ich steige ins Auto und sehe mich um. Aus dem Augenwinkel kann ich gerade noch erkennen, wie Julia wieder im Schatten verschwindet. Obwohl sie mich bestimmt nicht mehr sehen kann, winke ich in ihre Richtung, bevor ich weiterfahre.

Kommentare:

  1. WOW. Das Interview finde ich großartig, echt. Dieser Schlagabtausch zwischen euch - GENIAL!!! :DDDD <33333

    AntwortenLöschen
  2. *g* Elektroauto und alter VW-Bus ist, glaub ich, unvereinbar.

    AntwortenLöschen
  3. Ähmm, bei dem Schluss frage ich gar nicht erst danach, ob du den Unterschied zwischen einer Taschenlampe und einem Auto kennst. Nichts gegen etwas ausgeschmückte Blogvorstellungen, aber...
    Ich habe irgendwie die ganze Zeit das Gefühl, als würdet ihr ein bisschen aneinander vorbeireden... ist auf jeden Fall sehr interessant.

    AntwortenLöschen
  4. Johannes: Wenn ich an Rapunzels Zopf klettern, auf einem Hexenbesen fliegen und apparieren kann, kann ich auch in einem VW-Bus mit Elektromotor fahren und ihn mit Taschenlampenbatterien antreiben. Ich kann alles!!

    AntwortenLöschen
  5. Hey, wie interessant ich das finde mich selbst reden zu hören ;)

    AntwortenLöschen
  6. Waaaarte, reden zu lesen. Schreiben zu lesen? Egal. Ihr wisst was ich meine.

    AntwortenLöschen